Das erste Mal hörte ich von Ende Gelände an der Uni.
Einer Aktion, die so absurd klingt, dass sie kaum möglich erscheint.

Tausende Menschen aus aller Welt besetzen gemeinsam einen kompletten Braunkohletagebau, um auf diese Art ein Zeichen gegen eine der dreckigsten und ineffizentesten Energiegewinnungen auf unserem Planeten zu setzen. Das Vorgehen der Klimaaktivist*innen ist dabei stets bestimmt, aber gewaltfrei.
Ich war beflügelt von der Idee auch endlich aktiv gegen den Abbau von Kohle vorzugehen und hatte gleichzeitig ein immer größer werdendes Loch der Unsicherheit im Bauch. Welche Konsequenzen würde der zivile Ungehorsam für mich haben?
Am Ende meiner Überlegungen wurde mir klar, dass alle großen Veränderungen mit Brüchen beginnen. Möglicherweise auch mit dem Brechen von Gesetzen.

An Pfingsten war es so weit. Ich fuhr nach Spremberg in der Lausitz, einem der größten Braunkohleabbaureviere in ganz Deutschland.
Jährlich produziert allein das dort ansässige Kraftwerk „Schwarze Pumpe“ etwa 11,4 Milliarden kg CO2.

Empfangen wurde ich dort von etwa 4000 anderen Klimaaktivist*innen, die teilweise bereits seit einer Woche das Klimacamp vor Ort bevölkerten.
Ich war beeindruckt von so vielen tollen Menschen, die keine Lust mehr haben dabei zuzuschauen, wie unsere Gegenwart die Zukunft auffrisst, sondern sich entschließen zu handeln.

Zum Zeitpunkt meines Eintreffens war der komplette Tagebau bereits lahm gelegt. Jedoch rauchte es aus den Türmen der Verbrennungsanlage noch kräftig.
Ich selber war Teil einer großen Bezugsgruppe mit dem Ziel die Gleise und somit die Zufahrt zum Kraftwerk zu blockieren. Dazu wurden wir erstmal in Busse geladen und näher an das Kraftwerk gefahren. Auf der Fahrt bemerkten wir durch die Hinterscheibe, wie wir von einem Polizeiauto verfolgt wurden. Innerlich stellten wir uns daher auf das Schlimmste ein. Doch es sollte anders kommen.

Anstatt uns den Weg zu versperren, fühlte es sich an als würde die Polizei uns den Weg ebnen.
Wir stiegen aus und spazierten los. 400 Menschen – darunter ich – eine Dynamik, die ich so schnell nicht vergessen werde. Ich spürte, wie die Ohnmacht von mir ab fiel und ich auf einmal das Gefühl hatte, etwas bewegen zu können. Bestärkt durch die vielen Menschen, die genauso denken wie ich.
Wir hatten als Gruppe schon länger keine Polizei mehr gesehen, was uns verwunderte. Nach kurzer Zeit hatten wir das Kraftwerksgelände von Vattenfall erreicht. Hinein zu gelangen war nun ein Kinderspiel. Kein Zaun stand uns im Weg – nur ein winziges Schild.
Ein präägender Moment für mich, denn ich erkannte, dass die Grenze zum Kraftwerk in meinem Kopf entstanden war.
Nachdem ich mich einmal dazu entschieden hatte weiter zu gehen, war die Grenze in Wirklichkeit nur dieses Schild.

Wir sangen und tanzten über die Gleise immer tiefer in das Gelände hinein. Ab und an blieben wir auf den Gleisen liegen, bis wir wieder aufbrachen um eine weitere Strecke zu blockieren.
Nach etwa fünf Stunden hatten wir unser Ziel erreicht. Komplett gewaltfrei, aber ein wenig misstrauisch, da uns bisher partout niemand aufhalten wollte.
Einige Zeit später tauchten schließlich die ersten Polizist*innen auf und wir machten uns innerlich immer mehr darauf gefasst, geräumt zu werden.
Doch außer ein paar leeren Drohungen geschah nichts.

Also versuchten wir uns die Zeit mit Tanzen, Acro oder Lachyoga zu vertreiben. Irgendwann fühlte ich mich wie auf einer kleinen Insel. Mir war bewusst, dass mein Handeln Folgen haben könnte, doch ich habe noch nie so viel Solidarität mit anderen Menschen und der Umwelt verspürt, wie in diesem Moment. Ich war mir sicher, dass egal, was gleich passiert, ich nicht alleine sein werde.

Gegen Abend wurde es immer kälter und wir bekamen aus dem Camp noch Essen geliefert. Wir wollten gerne auf dem Gleisbett schlafen, doch wir hatten keine Schlafsäcke im Gepäck – Wer hätte auch gedacht, dass wir es so weit schaffen würden.
Unterdessen ging dem Kohlekraftwerk immer mehr der Treibstoff aus. Ein Turm war bereits komplett heruntergefahren und der andere lief nur noch auf 20 Prozent. Später in der Nacht entschloss sich meine engere Bezugsgruppe, aufgrund der zunehmenden Kälte, zurück ins Camp zu gehen. Wir wurden von der Polizei hinausgeleitet. Draußen am Ausgang gab es noch ein „Schönen Abend“ von den Polizist*innen zu hören. Da waren wir.

Vor dem Kraftwerk sah ich die anderen Aktivist*innen, die es weit schlimmer getroffen hatte. Sie waren anscheinend weiter in das Kraftwerk eingedrungen und dort brutal zurückgedrängt und festgehalten worden.
In der Nähe standen auch noch die Überreste der Kohle-Befürworter*innen, welche uns nur verächtlich beäugten.
Ausgelaugt und vollkommen mit Kohlestaub beschmiert holte uns ein Bus ab, der uns wieder sicher ins Camp brachte. Selbst die ProKohleNazis, die am Ende noch versuchten unseren Bus mit Baseballschlägern zu bearbeiten, konnten unsere Laune nicht trüben.

Denn schon früh am nächsten Tag war klar: Wir hatten etwas Unglaubliches geschafft. Die Kohlezufuhr war 48h blockiert und das Kohlekraftwerk „Schwarze Pumpe“ kurz vorm Stillstand.

Who shut shit down? We shut shit down.

Und möglicherweise Du, denn nächstes Jahr geht es weiter. Werde ein Teil von Ende Gelände!

www.ende-gelaende.org

Mögli

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